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Wangen bei Olten

Zweieinhalb Jahre ist es her, seit ich zusammen mit Lisa den bisher letzten Reise-Blog-Eintrag verfasst habe. Ich finde, die Zeit und ich sind reif für eine Fortsetzung ! Natürlich bin ich in den letzten Jahren enorm gereift (...vor allem äusserlich!) und die folgenden Einträge werden deswegen wesentlich seriöser ausfallen als die bereits geschriebenen (Also ehrlich: Wer mir diesen Mist abkauft, der ist noch nicht bereit für diesen Blog!).

Zu meinen Reiseplänen: Übermorgen Samstag wird mich mein persönlicher Escort-Service an den Flughafen Zürich begleiten (Andrea, ich erwarte die Uniform!) und mich dort (…ich befürchte unter tränenreichen Umständen...) in ein Flugzeug Richtung Cordoba (Argentinien) setzen (…für Kurzentschlossene: Es hat noch Platz im Auto ). Dort werde ich die ersten drei Monate bei einem jungen Ehepaar wohnen und in einem Waisenhaus arbeiten. Danach habe ich vor, noch ein paar Wochen den Rest des Landes zu erforschen (…Stirnlampe und Mac-Gyver-Taschenmesser sind eingepackt!).

Ich gebe zu, das Nervenflattern ist wesentlich stärker als dies die letzten paar Male der Fall war. Schliesslich reise ich am Samstag alleine in ein fremdes Land, dessen Sprache ich noch nicht richtig kann (…ich habe das Gefühl, „Hola“ und „Una cerveza por favor“ reichen nicht weit...) und ich werde mich da auch noch im Arbeitsleben zurechtfinden müssen (Oh Gott, so genau habe ich mir das bisher noch gar nicht überlegt!). Aber glücklicherweise habe ich ein sehr einfühlsames Umfeld, das wirklich alles dafür getan hat, dass sich meine Nervosität in den letzten Tagen in Grenzen hielt. Als kleines Dankeschön habe ich euch hier die aufbauendsten  Worte zusammengefasst (Achtung: Ironie im Anmarsch!!!):

  • "Gang doch ned!“
  • "Vier Mönet si jo e huere langi Zit!“
  • "Auso eg chönnt das ned.“
  • "E bewondere di Muet.“
  • "Jo, es chönnt scho sii, dass dini Schüeler dini Schtöuverträttig lieber bechöme aus de.“
  • "Wenn das öpper schafft, de du.“
  • "Chasch de Schpanisch?“
  • "Du besch närvös? Jo dä Seich hesch der säuber ibrockt."
  • "Was?! Du flügsch met IBERIA?! Das wördi NIE meh mache!
  • „Was machi jetz au ohni de?“
  • "Besch du s erschte Mou öber d Wiehnachte wäg vo deheime?.......Kraaaaass!"

An dieser Stelle möchte ich euch auch meine drei favorisierten Reiseratschläge nicht vorenthalten:

  1. "Muesch jo dört ähne ned weder aue Seich metmache!" (Keine Ahnung, was du damit meinst, Claude...)
  2. Gäu, ned aues wiisse Polver esch de dört äne Bachpolver..." (Was sonst? Mehl?)
  3. "Pass uf, mann!" (Möglicherweise habe ich diesen gut gemeinten Ratschlag auch auf der Strasse aufgeschnappt )

So, wer bisher noch nicht realisiert hat, dass meine Dankbarkeit ironisch zu verstehen ist, den werden wohl die folgenden Blogeinträge etwas verwirren (Aber ich kenne euch ja, Leute !).

Also, hasta pronto und ich freue mich jetzt schon auf all eure zahlreichen Kommentare !

2 Kommentare 7.10.10 11:40, kommentieren



Wangen-Zuerich Flughafen-Madrid-Santiago-Cordoba

Kaum vorstellbar, dass ich noch vor einer Wochen einem (...auf jeden Fall fuer meine Verhaeltnisse...) geregelten Leben am Jurasuedfuss nachging und mich nun schon in einer voellig anderen Welt ganz gut zurecht finde! Wie immer, wenn ich auf Reisen bin, habe ich das Gefuehl, schon viiiiiel laenger weg von zu Hause zu sein, als dies in Wirklichkeit der Fall ist . So, genug Gefuehlsduselei fuer heute, hier sind die Fakten:

So ganz wohl fuehlte ich mich vergangenen Samstag ja nicht, als mich meine zwei treuen Begleiterinnen (Vielen Dank nochmals, Maedels !) an den Flughafen Zuerich chauffierten, denn alle Zeichen sprachen dafuer, die ganze Sache doch noch im letzten Augenblick abzubrechen: Neben dem Packstress (Wer, ausser mir, packt eigentlich ebenfalls erst am Abreisetag fuer eine viermonatige Reise?!) wurden wir auf dem Weg zum Flughafen auch noch Zeuginnen eines brutalen Eichhoernchenmordes mitten auf der Strasse! Trotz sofortigen Reanimationsmassnahmen unsererseits verstarb das arme Ding jedoch noch am Unfallort... der Taeter ist leider fluechtig. Da ich aber aus juengst gemachten Erfahrungen in Lostorf weiss, dass ein totes Eichhoernchen nicht zwingend ein schlechtes Ohmen sein muss, setzten wir unsere Fahrt fort. Und tatsaechlich: Abgesehen von einigen Turbulenzen waehrend meines ersten Etapen-Fluges nach Madrid  gibt die Reise nach Cordoba zu keinen weiteren Bemerkungen Anlass.

Am Flughafen Cordoba holten mich, wie versprochen, Ines und Jean, meine "Gasteltern" und "Ernaehrer" (Die wissen ja nicht, worauf sie sich da eingelassen haben!), mit ihrem klapperigen, rostigen (...wahrscheinlich gestohlenen...) Auto ab. Auf der halsbrecherischen Fahrt in ihr Zuhause erfuhr ich, dass Jean aus Brasilien stammt und gelernter Koch ist (Anm. der Redaktion: Der Typ entspricht so ziemlich jedem Klischee eines Brasilianers...Surfer, ganz nett anzusehen und "un poco loco"!). Seine Frau Ines, eine ECHTE Einheimische (=Eigeborene?!) arbeitet fuer Projects Abroad (...fuer Unwissende oder schlechte ZuhoererInnen: Das ist die Organisation, fuer welche ich hier 3 Monate lang arbeite ). Dann musste ich auch bald schon wieder merken, dass mein Name, von ein paar SchweizerInnen mal abgesehen, von keiner Menschenseele auf der Welt ausgesprochen werden kann! Deshalb wurde mir noch auf dem Weg vom Flughafen in ihr grosses, steinernes Haus mit riesigm Garten und drei Strassenhunden (...nach Retschi, Susanna, Reegi, Regular Gas, Dracula, Ruccola und Susi...) der Name "Reggae" verpasst (...natuerlich vom Brasilianer!). Ausserdem lernte ich nebenbei auch noch die (ueberlebens-) wichtigsten Strassenregeln  kennen (siehe "wichtigste Erkenntnisse"!

Nach 13 Stunden Schlaf (...gar nicht gewusst, dass ich dazu faehig bin...) traf dann eine weitere freiwillige Arbeiterin aus England ein, die mich irgendwie an die kleine Rothaarige aus dem Film "American Pie" erinnert (...ja genau, die mit der Floete!). Am Dienstag ging es dann Schlag auf Schlag weiter mit dem Ueberlebenscamp und den wichtigsten Besorgungen in Cordoba und am Mittwoch setzte man mich schon als freiwillige Arbeiterin in einem Waisenhaus (...alles nur Jungs!) aus. Dazu aber mehr in einem anderen Beitrag (...sonst muss ich mir dann wieder Reklamationen ueber die Blog-Eintrag-Laenge anhoeren...).

Zum Schluss MUSS ich euch aber UNBEDINGT noch meine bisher wichtigsten Erkenntnisse mitteilen, falls ihr euch ebenfalls mal hierher traut:

1.) Am Wochenende darf man hier ueber saemtliche roten Ampeln fahren (...vorher einfach mal kurz hupen...).

2.) Mit 90km/h durch die 1,3 Millionenstadt Cordoba fahren ist normal (...alle langsamer fahrenden Autos oder Fuhrwerke werden ebenfalls angehupt...).

3.) Es gibt hier tatsaechlich Autos, die mit einer Gasflasche angetrieben werden. Das ist anscheinend viel billiger (...muss also einen anderen Haken haben: Explosionsgefaht?!).

4.) "Linda" ist nicht nur ein Name.

5.) Argentinier sind viel zuvorkommender als Schweizer (...unaufgefordertes Reichen einer Kotztuete auf dem turbulenten Flug nach Madrid...)

6.) Ein Laecheln versteht man ueberall auf der Welt (...ein Auslachen leider auch...)!

7.) Auffahren (...bis auf 2cm!) und Hupen (...wenn der Abstand mehr als 2cm betraegt...) sind hier Pflicht!!!

8.) Auch an einem Pferdefuhrwerk kann man mit 90km/h und mit 2cm Abstand passieren.

9.) Ich kann an ein und demselben Tag 6 verschiedene Sprachen sprechen: Deutsch, Englisch, Mundart, Spanisch, Franzoesisch und Ein-Mix-aus-alldem.

10.) Verwende das Busticket nie um einen Kaugummi zu entsorgen, denn auch hier gibt es Kontrolleure... .

HASTA LA PROXIMA !!!

 

9 Kommentare 15.10.10 17:47, kommentieren

Cordoba-Part 1

Hola, da bin ich wieder ! Wie ich den unzaehligen Zuschriften, welche ich in den vergangenen Tagen erhalten habe (...das war jetzt aber nur leicht geblufft...), entnehmen konnte, sind die meisten Blog-Leserinnen und -Leser daran interessiert, wie meine Arbeit im Waisenhaus angelaufen ist. Deshalb werde ich heute etwas darueber berichten (An alle Lehrpersonen: War das jetzt nicht ne suuuuper Einleitung fuer einen Aufsatz?):

Am dritten Tag nach meiner Ankunft in der 1,3-Millionen-Stadt Cordoba wurde ich also bereits (...mit den letzten, aufmunternden Worten "Hier sprechen dann alle nur Spanisch!" im Waisenhaus ausgesetzt (...nur das Halsband mit dem Sender haben sie mir nicht umgelegt...). Ines, meine Gastmutter und Wegweisern, erklaerte dem Argentinier mit Bart (...nicht zu verwechseln mit dem "Mann ohne Hals"...), der uns die Tuere oeffnete, dass ich etwas Spanisch verstehe, aber man muesse mit mir ganz langsam und deutlich sprechen. Wahrscheinlich war Ines in diesem Moment nicht bewusst, WAS sie mit diesem (...sicherlich gut gemeinten...) Ratschlag genau ausloeste. Denn bis zum heutigen Tag erheben alle Angestellten ihre Stimme um geschaetzte 50 Dezibell und sprechen gaaaaaaaaanz laaaaaangsaaaaaam und deeeeeeeutliiiiiiiiiich mit mir (...Ich komme mir dabei wie ein schwerhoeriges 1.Klass-Auslaenderkind vor!).

Nun aber wieder zurueck zum baertigen Argentinier, der sich als Gabriel zu erkennen gab. Der fuehrte mich durch einen schmalen, dunklen Gang in einen karg eingerichteten Aufenthaltsraum, durch dessen Fenster (...die meisten ohne Scheiben...) ich in einen kleinen Innenhof blicken konnte, der mit Papierschnitzel, alten Petflaschen, Socken, Holzstuecken, Kisten und anderem Muell (...der in jedem gutbuergerlichen Haushalt natuerlich in mindestens 5 verschiedenen Abfalleimern getrennt entsorgt wuerde...) uebersaeht war. Alles wirkte schmutzig, schmuddelig, farb- und trostlos. Auf dem Weg durch den Innenhof ins Buero der Heimleiterin konnte ich gerade noch einen Blick auf den Basketballkorb (=eine leere Getraenkekiste, befestigt mit einem Stueck Draht am Hausdach) und das Volleyballnetz (=ausgeleiertes Irgendetwas mit Baum als Pfosten) erhaschen. Dann betraten wir das Buero der Chefin (=ca. 5x5m grosser Raum mit Pult, Stuhl und Kasten), die mich freundlich willkommen hiess und mir zuerst gaaaaaaanz laaaaaaangsam und deeeeeeutlich meine Arbeitszeiten mitteilte: montags von 9-13 Uhr und dienstags bis freitags von 15-19 Uhr (...endlich mal jemand, der mein Leben als Nachteule versteht!). Selbstvertaendlich drueckte sie mir diesen Stundenplan auch noch in schriftlicher Form in die Hand (=Fresszettel mit eben gemachten handgeschriebenen Notizen). Anschliessend teilte sie mir mit, dass ich mit den 7-15jaehrigen Jungs (...Maedchen gibt es hier, abgesehen von einem Welpen namens "Mara" nicht...) in den folgenden drei Monaten eine der vier hohen Waende im Innenhof bemalen duerfe. Das fand ich natuerlich toll (...auf die Ernuechterung komme ich spaeter zu sprechen...)!

Im Anschluss an dieses Gespraech (=Redeschwall ihrerseits und unverstaendliches Gestammel meinerseits) fuehrte mich Gabriel in den "Spielraum" (=2 vorsindflutliche PCs mit Windows 97 und 2 unvollstaendigen Brettspielen), der gleichzeitig eine Bibliothek ist (=1 Regal mit Buechern, welche alle VOR 1970 geschrieben wurden). Dort traf ich auf die ersten beiden Jungs, welche ein Computerspiel aus der Vorkriegszeit spielten (...das war jetzt sinnbildlich zu verstehen...). Trotz geringen Spanischkenntnissen (siehe letzter Beitrag!) schloss ich mit den Beiden schon bald Freundschaft und erweiterte meinen Wortschatz (...vor allem Fluchwoerter!). Spaeter zeigte mir Gabriel auch noch die Kueche (...Mami wuerden bei diesem Anblick wohl alle Haare zu Berge stehen...), der Lieblingsaufenthaltsort des gesamten Personals. Das sollte mir aber erst in den folgenden Tagen so richtig bewusst werden... .

 

In den darauffolgenden Tagen fand ich sowieso noch einige Dinge heraus, welche wohl so einige zartbeseitete Paedagoginnen und Paedagogen erstarren liesse. Ich habe fuer euch die traurigsten Erkenntnisse zusammengestellt:

 

  • Beim Anblick des fensterscheibenlosen Aufenthaltsraumes und der ueberalterten PCs dachte ich als "reiche" Schweizerin natuerlich sofort an eine Spende. Als ich diesen Gedanken am Abend Ines mitteilte, meinte sie nur, dass Projects Abroad diesem Waisenhaus bereits viele Dinge gekauft habe (z.B. neue Vorhaenge), dass diese aber in relativ kurzer Zeit vom Personal gestohlen worden seien.
  • Das staendig wechselnde Personal (...ich sehe praktisch jeden Tag neue Gesichter!) sitzt die meiste Zeit ideen- und antriebslos in der hintersten Ecke der Kueche und trinkt Mate (fuer Unwissende: das ist DAS Nationalgetraenk hier). Wenn sie sich mal erheben, dann um die Jungs "zusammenzuscheissen", ihnen Medikamente zu verabreichen oder zu putzen.
  • Die Jungs sind hier untereinander relativ grob. Spucken, einander schlagen, auslachen oder irgendeinen Mist anstellen sind hier an der Tagesordnung. Dies ist, angesichts des Personals und des Platzmangels (...manchmal komme ich mir vor, wie in einem Gefaengnis!), aber auch kein Wunder!
  • Die ruhigste Zeit ist jeweils die, wenn die Jungs z Vieri (...hier eher ein z Sechsi...) essen und dazu im TV "Los Simpsons" schauen duerfen.
  • Die Kinder sind in 4-er Zimmer untergebracht, die ebenso schmuddelig und unsauber aussehen wie der Rest des Hauses: keine Bilder, keine Zeichnungen, nichts.
  • An Material fehlt es hier sowieso an allen Ecken und Enden: Bisher habe ich mit den Jungs nur stundenlang Fuss-, Basket- oder Volleyball gespielt und einmal habe ich es mit Zeichnen versucht... leider war das Material, welches ich selbst mitgebracht hatte, am naechsten Tag spurlos verschwunden.
  • Ach ja, und was die tolle Idee mit dem Malen betrifft: Bisher wurden lediglich Abklaerungen getroffen, ob das Ganze ueberhaupt finanzierbar ist (...aber immerhin...). Vielleicht bin ich ja auch nur zu ungeduldig!

 

Ich hoffe, ich habe mit diesen negativen Einblicken nun nicht meine gesamte Leserschaft vertrieben, aber das sind halt nun mal die Fakten aus der "anderen" Welt. Manchmal erscheint mir meine Arbeit schon etwas sinnlos. Wenn ich dann aber sehe, wie leicht diese Jungs zu begeistern, wie dankbar und mit wie wenig zufrieden sie sind und dass mich alle 5min einer spontan umarmen kommt und mir sagt, wie toll es sei, dass ich hier bin, dann ergibt doch wieder alles irgendwie einen Sinn.  

 

Liebe Gruesse und bis baaaaaaald !!!    

3 Kommentare 22.10.10 17:42, kommentieren

Cordoba-Part 2

Nach dem letzten (...etwas depressiv angehauchten...) Blogeintrag moechte ich euch heute etwas ueber meine ausserarbeitszeitlichen Aktivitaeten berichten. Die dienen zwar nicht unbedingt dem Gemeinwohl, sind aber fuer mein Wohl (Prost!) und als Ausgleich zu der (...manchmal etwas frustig angehauchten...) Arbeit im Kinderheim wichtig.

Bereits am zweiten Tag nach meiner Ankunft im Fleischland (...das ist also nicht nur ein Geruecht!) fand, wie schon mal erwaehnt, ein Einfuehrungstag statt, organisiert und gesponsert von Projects Abroad. Dort lernte ich, neben wichtigen Ueberlebenstips im Grossstadtjungel (z.B.: Ueberquere eine argentinische Strasse nur inmitten einer Horde Leute, denn als einzelne Fussgaengerin wirst du hier nicht beachtet!), auch einige Gleichgesinnte kennen. Die "huehnerten" etwa gleich verstoert und orientierungslos wie ich durch die lauten Strassen (...auf das Marschieren in der Zweierreihe wurde aber gluecklicherweise verzichtet...). Vor allem eine 26-jaehrige Italienerin namens Claudia war mir von Beginn an sympathisch, da diese etwa gleich laut und viel wie ich lachte und aehnlich Intelligentes von sich gab (...also eine positive Erscheinung im Gegensatz zu einigen "Naturejoghurts" in unserer Gruppe!). Zwar benoetigte ich einige Tage um ihr stark akzentuiertes Englisch zu verstehen ("Maie naime ise Claaaudia.", aber nun wage ich zu behaupten, dass ich (...Mimik und heftigstes Gestikulieren ihrerseits inbegriffen...) 95% von all dem, was sie den ganzen Tag von sich gibt, zu verstehen. Telefonische Verabredungen dauern jedoch etwas laenger! Ausser Claudia machte ich auch noch Bekanntschaft mit Damien aus Frankreich (...und vom anderen Ufer...) und Sandrine, die ebenfalls Franzoesin (...aber vom diesseitigen Ufer...) ist. Waehrend Claudia hier Freiwilligenarbeit als Lehrerin leistet, arbeiten die anderen Beiden als Volunteers in der Equotherapie (...das ist das Zeugs mit den Roesslis...).

Wir vier unternehmen recht viel zusammen. So verbrachten wir beispielsweise unser erstes Wochenende in Suedamerika auf einer abgelegenen Ranch (...leider ohne sehenswerte Cauchos...) in den Huegeln ausserhalb von Cordoba. Dort uebten wir auf kurzen Spaziergaengen (...mehr als eine halbe Stunde am Stueck schaffte die Italienerin nicht...) unser Geschick im Feuer machen ohne Feuerzeug. Doch weder die Feuerstein-, noch die Holzstoeckli- noch die Sonnenbrillenglaesermethode wollte uns gelingen (...Drei Mal duerft ihr raten, welche Methode wohl von mir ausprobiert wurde!). Ansonsten lernten wir gleich die argentinische Menthalitaet etwas besser kennen (=viel schlafen, lange Siestas, gut essen, Kaffe und Mate trinken) und stellten nebenbei fest, dass wir zwar unser gegenseitiges Englisch-Franzoesisch-Deutsch-Spanisch-Kauderwelsch verstehen, nicht aber das reine Spanisch der Einheimischen. Als diese uns naemlich nach dem Fruehstueck am Sonntagmittag fragten, ob wir Kaninchen gerne moegen, antworteten Claudia und ich zwar hoeflichkeitshalber mit "Si", doch eigentlich zogen sich unsere Maegen beim Gedanken an einen Hasenbraten zusammen. Wenige Minuten spaeter, im Stall, stellten wir dann aber mit Erleichterung fest, dass unsere Gastgeber uns nach dem "Kaninchen fuettern" und nicht nach dem "Kaninchen futtern" gefragt hatten (...und wir dachten schon, wir muessten unser Mittagessen auch noch erlegen!)! 

Einige Tage spaeter beschlossen wir vier Helden einen Tangokurs, ebenfalls organisiert von unserer Organisation, auszuprobieren (...Ich muss eben doch jeden Mist mitmachen...). Der Schuss ging aber etwas nach hinten los: Denn Claudia und Damien kamen eine halbe Stunde zu spaet (Wer rechnet denn auch schon damit, dass hier irgendetwas PUENKTLICH anfaengt, abgesehen von der Schweizerin!) und wurden deswegen auf die Zuschauerplaetze verbannt und auf rund 20 Hobby-Taenzerinnen trafen geschaetzte 3 Taenzer (...und das ist jetzt noch eine optimistische Schaetzung...). So hatte ich das Vergnuegen mit Sandrine das Tanzbein zu schwingen (Sie opferte sich, den maennlichen Part zu uebernehmen...). Ich weiss jetzt nicht genau, welchem dieser Umstaende ich die Tatsache zu verdanken habe, dass ich an diesem Abend keine Freundschaft mit dem Tango schliessen konnte, aber lassen wir diese Frage einfach so mal im Raume stehen...

Das "Dirty Weekend" (...bitte nicht falsch verstehen!) vom folgenden Wochenende machte da schon mehr Spass und Sinn! Zusammen mit 8 anderen Freiwilligen fuhren Claudia und ich naemlich am Samstag mit dem Bus in einen Vorort von Cordoba, wo gerade eine Schule aus Schlamm, Sand und Mist (...die restlichen Bestandteile will ich gar nicht so genau wissen...) gebaut wird. Einige Stunden lang stampften wir dort in der Folge die einzelnen "Zutaten" fuer die Schuelwaende zusammen und fuellten den Mist in zuvor angefertigte Gitter aus Aesten (...Da kann ja nur Mist rauskommen!). Das mag jetzt etwas sehr vorsindflutlich klingen, sah aber am Ende ganz stabil und ansehnlich aus... ganz abgesehen von Claudia und mir! Denn waehrend die restlichen Freiwilligen unserer Gruppe, abgesehen von einigen Dreckklumpen an den Schuhen, so sauber wie 3 Stunden zuvor bei unserer Ankunft aussahen, standen Claudia und ich nur so vor Schmutz und wir hatten etwas Bedenken, dass uns der Buschaufeur wirklich wieder mit in die Stadt nehmen wuerde...irgendetwas hatten wir falsch (...oder richtig?) gemacht ;-). Dafuer hatten wir aber auch am meisten Spass!

Zum Schluss noch dies: 

Ich habe mich bereits daran gewoehnt, dass...

... ich 40 Minuten vor dem Duschen den Boiler hinter dem Haus erhitzen muss, damit ich warmes Wasser habe (...letztes Mal habe ich dort auch nahe Bekanntschaft mit einem Frosch gemacht...).

...in einem Bus unaufgefordert Platz fuer aeltere Personen und schwangere Frauen gemacht wird (...anscheinend werde ich hier (noch) keiner dieser Spezies zugeordnet...).

...man im Strassenverkehr nicht zwingend funktionstuechtige Blinker besitzen muss (...es reicht auch, kurz vor dem Abbiegen die Hand aus dem Autofenster zu halten...)

...das zVieri hier ein zSechsi und das Znacht eher ein ZMitternachtsmahl ist.

...hier eigentlich nie jemand rechtzeitig zu einer Verabredung erscheint (...nicht einmal die anderen europaeischen Volunteers...).

...hier waehrend eines Spazierganges nicht das Zirpen der Grillen oder das Zwitschern der Voegel zu hoeren sind, sondern das Bellen der unzaehligen Strassenhunde (...waere also nichts fuer dich, Houderebaeseler ;-)...).

...bei neuen Bekanntschaften nicht in erster Linie ueber das Wetter gesprochen wird, sondern Fragen nach Familie, Kindern und Zivilstand gestellt werden (...keine Angst, der ist bei mir immer noch unveraendert ;-)...).

...ich, wenn ich aus dem Haus gehe nie weiss, ob und wann ein Bus faehrt, da es nirgends so was wie einen Fahrplan gibt (...und trotzdem schaffe ich es eigentlich immer puenktlich zur Arbeit...).

...ich hier (...Arbeitszeiten sei Dank!) drei Mal in der Woche ausgehe (...und die Wochenenden sind in meiner Zaehlung noch nicht inbegriffen).

...auf einer Vespa 3-4 Personen Platz haben (Keine Angst, DIESEN Mist mache ich nicht mit!).

 

 


8 Kommentare 31.10.10 22:41, kommentieren